Gefährliche Zentimeter: Warum zu frühes Einscheren vor LKW lebensgefährlich ist

​Der Überholvorgang auf der Autobahn ist abgeschlossen, die Blinker setzen zum Spurwechsel an – und schon schert der PKW knapp vor der Stoßstange des Lasters wieder ein. Was viele Autofahrer für ein zügiges und rücksichtsvolles Manöver halten, um den nachfolgenden Verkehr nicht zu behindern, provoziert im Alltagsverkehr hochgefährliche Situationen. Das Unterschätzen des Sicherheitsabstands beim Wiedereinscheren gehört zu den häufigsten Ursachen für schwere Notbremsungen und Auffahrunfälle auf Güterkraftverkehrsrouten.
​Ein ausgewachsener 40-Tonner benötigt bei einer Geschwindigkeit von 80 km/h unter optimalen Bedingungen einen Bremsweg von rund 40 Metern – inklusive Reaktionszeit verlängert sich der Anhalteweg schnell auf über 60 Meter. Bei nasser Fahrbahn oder schlechter Sicht vervielfacht sich dieser Wert. Schert ein Fahrzeug ohne ausreichenden Abstand vor einem LKW ein, nimmt es dem Brummifahrer jegliche Sicherheitsreserve.
​Deaktivierte Abstandsregelassistenten als unterschätzte Gefahr
​Eine wesentliche, oft unbekannte Komponente dieser Dynamik betrifft die Technik moderner LKW: Notbrems- und Abstandsregelassistenten. 
Diese Systeme messen kontinuierlich den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug und leiten automatisch eine Verzögerung ein, sobald die gesetzlich oder technisch vorgegebene Distanz unterschritten wird.
​Wenn PKW-Fahrer dicht vor einem LKW einscheren, erkennt das System den zu geringen Abstand als akute Kollisionsgefahr. Die Folge: Der LKW leitet automatisch eine spürbare Bremsung ein, um den Sicherheitsabstand wiederherzustellen. Da dies auf vielbefahrenen Autobahnen bei nahezu jedem Überholvorgang passiert, führt der Dauerbetrieb des Assistenten zu ständigem, unkoordiniertem Abbremsen des Schwerlastsverkehrs. Dies stellt nicht nur ein erhebliches Stau- und Unfallrisiko für den nachfolgenden Verkehr dar, sondern sorgt auch für massiven Verschleiß und Unruhe im Fahrfluss.
​Aus diesem Grund schalten viele LKW-Fahrer ihren Abstandsregelassistenten im Berufsalltag genervt aus, um nicht ununterbrochen von knapp einscherenden PKW unbeabsichtigt ausgebremst zu werden. Fällt das System dadurch aus, hängt die Sicherheit im Ernstfall ausschließlich von der menschlichen Reaktionszeit des Fahrers ab. Reagiert dieser durch Ablenkung oder tote Winkel eine Sekunde zu spät, trifft eine ungebremste Masse von 40 Tonnen direkt auf das Heck des gerade eingescherten Fahrzeugs.
Deshalb an dieser Stelle ein Appell an die Lastwagen-Produzenten: es muss eine Änderung geben, dass diese im Notfall lebensrettenden Assistenten abgeschaltet werden können. 


​Richtiges Verhalten beim Überholen

​Um kritische Situationen zu vermeiden, gilt als Faustregel: Erst dann wieder auf die rechte Spur wechseln, wenn die gesamte Front des überholten LKW (einschließlich beider Scheinwerfer) vollständig im eigenen rechten Außenspiegel zu sehen ist. Damit ist ein ausreichender Mindestabstand garantiert, der sowohl dem LKW-Fahrer als auch den Assistenzsystemen den nötigen Raum lässt.